Shownotes
„Wir haben sehr viele Besuchergruppen, die dann ganz erstaunt sind, wie viel da noch mit Hand gewirkt und gearbeitet wird."
Martin Dries führt die Bäcker Dries Rheingau gemeinsam mit seinem Bruder Stefan in dritter Generation. Seit 1896 in Rüdesheim verwurzelt, heute mit 350 Mitarbeitenden, 30 eigenen Filialen und 14 weiteren Handelsstandorten, ist das Unternehmen eines der bekanntesten Handwerksbäckereien im Rhein-Main-Gebiet. Martin Dries ist Unternehmer durch und durch, und er hat sich nie damit abgefunden, eine schlichte Frage schlicht zu beantworten.
Handwerk, das sich traut, Farbe zu bekennen.
Ist Bäcker Dries noch eine Bäckerei oder schon ein Industrieunternehmen? Martin Dries antwortet mit einer Klarheit, die man selten hört: ausdrücklich Handwerk, und das nicht aus Imagegründen. Zehn Meister beschäftigt das Unternehmen, der Anteil manueller Arbeit überrascht selbst Besucher. Gleichzeitig setzt Dries längst auf KI-gestützte Warenwirtschaft, papierlose Prozesse und eine eigene App. Technik als Dienerin des Handwerks, nie als Ersatz.
Was zwischen Backstube und Service-Center entsteht.
42 Prozent des Umsatzes werden mit Brötchen gemacht, und alle werden frisch in der Filiale gebacken. Das Prinzip des Slow Bakings, dem Teig Zeit zur Entwicklung zu geben, ist bei Dries kein Trend, sondern Grundhaltung. Gleichzeitig zeigt Martin, wie er die Kluft zwischen Produktion und Verwaltung überbrückt: indem er das klassische „Service Center" nicht als Verwaltungsapparat begreift, sondern als internen Dienstleister, der Nähe zur Front suchen muss.
Was eine Krise offenbart.
Im November 2022 brannte die Technikzentrale von Bäcker Dries. Der Produktionsbetrieb stand still. Was folgte, war kein Krisenhandbuch, sondern ein Schulterschluss: Wettbewerber halfen mit Waren aus, Logistiker wurden zu Kurieren, das Team machte alles möglich. Martin Dries beschreibt, wie ein resilientes Familienunternehmen in einer Schockstarre von einer halben Stunde einen Schlachtplan entwickelt und wie aus dem Brand anderthalb Jahre später ein Neuanfang wurde.
Worüber wir noch gesprochen haben:
Martin Dries ist kein Unternehmensphilosoph, der große Worte macht. Er ist jemand, der Krisen übersteht und nie den Blick für das Große verliert. Dieses Gespräch ist ein Plädoyer für das Handwerk, für Resilienz und für die Überzeugung, dass gute Arbeit immer aus guten Menschen entsteht. Ein Must-Hear für alle, die wissen wollen, was Arbeitskultur jenseits des Schreibtischs bedeutet.
Interview: Jule Jankowski
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